In mein Bild von Italien passen irgendwie keine Marillenknödel, Brettl-Jausen und Lederhosen. Italien ist für mich Sommerferien, laue Nächte mit vielen Mücken, Strand und vor allem ganz viel Meer. Das ist wohl der Grund, dass ich dem Südtirol (abgesehen von Skiurlaub in den Dolomiten) bisher keine Beachtung geschenkt habe. Höchste Zeit also für einen Trip durch den Vinschgau bis nach Meran.

Im Westen Südtirols erstreckt sich das Vinschgauer Tal von Naturns bei Meran bis hinauf zum Reschenpass, wo die Etsch ihren Ursprung hat. Vielfältiger könnte ein Tal zum Urlauben kaum sein – Apfelgärten und Marillenbäume einerseits, schroffe Gipfel und vergletscherte Dreitausender andererseits, allen voran natürlich König Ortler (3.905 m).

Quelle: südtirolerland

Wir starten die Reise am Dreiländereck. Das Wahrzeichen am Reschenpass ist der versunkene Turm im See. Im Sommer 1950 wurde das Dorf Graun für die Errichtung eines Stausees unter Wasser gesetzt, beinahe 150 Familien wurden ihrer Existenz beraubt. Bei unserem Besuch ist der Wasserstand extrem nieder, anscheinend musste wegen einem technischen Problem das ganze Wasser abgelassen werden und die Wiederbefüllung des Sees braucht Zeit.

Die Vinschger Bahn erschliesst das Tal. Zwischen Mals und Meran geht es auf 60 km durch grüne Wiesen, kilometerlange Apfelplantagen, idyllische Ortschaften und vorbei an Burgen und Schlössern. Im Hintergrund erheben sich majestätisch die noch schneebedeckten Berge, was für eine malerische Landschaft. Aktuell laufen die Arbeiten zur Elektrifizierung der Bahn auf Hochtouren.

Eine andere schöne Möglichkeit das Tal zu entdecken ist der 86 km lange Vinschgauer Radweg, dieser ist Teil des Etschradweges und der Via Claudia Augusta. Vom Reschenpass (1504 m ü. M.) bis nach Meran (330 m ü. M.) ist der Weg bestens ausgeschildert und toll angelegt. Fahrräder lassen sich an verschiedenen Bahnhöfen ausleihen. Vorsicht bei den Bewässerungsanlagen, da wird keine Rücksicht auf Radler oder Wanderer genommen.

Schön für eine Kaffeepause ist Glurns, die kleinste Stadt im Südtirol mit seiner vollständig erhaltenen Stadtmauer und den historischen Lauben.

Das “weiße Gold” hat Laas in der ganzen Welt bekannt gemacht. Der am Fusse des Ortlermassivs abgebaute reine Marmor ist hart, widerstandsfähig und wetterbeständig. Einige Anschauungsobjekte, in Form von Skulpturen, findet man direkt am Radweg.


Schlanders, das Dorf mit dem höchsten Kirchturm des Landes, liegt in der geographischen Mitte des Vinschgau. Wir stellen uns für ein paar Tage auf den sehr empfehlenswerten Campingplatz Vogelsang, Willis Gin-Bar ist legendär. In der nahen Fussgängerzone locken Restaurants, Vinotheken (zum Beispiel das „Weineggele“) und Gelaterias. Einen schönen Blick auf Schlanders hat man bei einer kleinen Wanderung entlang der Sonnenpromenade.


Mich fasziniert das Thema Bergsteigen. Keine Ahnung warum, ich fühle mich mit Steigeisen an den Füssen oder gesichert mit einem Seil überhaupt nicht wohl, normale Wanderwege reichen mir völlig. Bergsteigen und Südtirol, da führt kein Weg an Reinhold Messner vorbei, einem der bekanntesten Bergsteiger der Welt.

Mein „15. Achttausender“ ist die Summe all meiner Erfahrungen. Dem Berg und dessen Kultur habe ich ein Museumsprojekt mit sechs ungewöhnlichen Standorten in der grandiosen Landschaft Südtirols und in Belluno gewidmet. Das Messner Mountain Museum ist eine Begegnungsstätte mit dem Berg, mit den Berg-Menschen und letztlich auch mit uns selbst. 

Reinhold Messner

Wir besuchen Schloss Juval in Staben. Gleichzeitig ist das Schloss der Sommerwohnsitz der Familie Messner. Die (obligatorische) Führung ist sehr kurzweilig und informativ. Ich bin total hingerissen was Messner hier für ein Paradies geschaffen hat, spannend zum Beispiel wie er den verschiedenen Religionen Platz gibt.

Der Besuch von Schloss Juval lässt sich wunderbar mit einer Wanderung verbinden, besonders schön entlang des Tscharser Waalwegs.

Die charakteristischen Waalwege im Vinschgau sind schmale Wanderwege, die sich meist ohne nennenswerte Steigungen entlang der alten Wasserläufe an den Hängen oder im Tal entlang ziehen. Die Wege begleiten die Bewässerungskanäle am Berghang, die vor Jahrhunderten angelegt wurden und den Menschen bis ins 19. Jh. zur Bewässerung ihrer Felder dienten. Die Verwalter und Wahrer dieser Wasserläufe heißen in Südtirol bis heute Waaler.

Quelle: vinschgau


Kurz vor Meran laden in Algund, direkt am Radweg, die Trauttmansdorffer Thronsessel zu einer kleinen Rast ein.


Meran

Der Camping Meran liegt gleich hinter der Therme, nahe am Zentrum, ideal gelegen um die Gegend zu erkunden (keine Reservation möglich).

Bei der Suche nach einem Restaurant in der Nähe vom Camping führt uns Google ins La Bruschetta. Man darf sich auf keinen Fall vom Äusseren abschrecken lassen, das Essen ist hervorragend, die Nudeln hausgemacht und der Laden läuft.

Es macht Spass, durch die Kurstadt Meran zu bummeln, entlang der grünen Promenaden zu flanieren oder gemütlich an der rauschenden Passer zu sitzen und ein Radler oder einen Apérol Spritz zu geniessen. Im Gegensatz zu Schlanders wird in Meran vermehrt italienisch gesprochen.

Mein Lieblingsplatz ist die reizende Jugendstil-Wandelhalle, eine offene Bildergalerie.

Der Panoramalift Meran-Dorf Tirol wurde in den späten 40er Jahren erbaut und fährt heute noch. Die Fahrt lässt sich gut kombinieren mit dem Tappeinerweg, benannt nach seinem Initiator, dem Meraner Kurarzt Franz Tappeiner.


In Richtung Bozen findet sich mit Schloss Sigmundskron ein weiteres Museum von Reinhold Messner, zufällig treffen wir den Schlossherrn persönlich an. Thematisiert wird hier die Auseinandersetzung Mensch-Berg mit vielen Bildern, Skulpturen und Gegenständen. Berührend die Galerie mit Bildern einiger der vielen Menschen die in den Bergen ihr Leben verloren haben, inklusive Ueli Steck, unserem Schweizer Extrembergsteiger der 2017 in Nepal tödlich verunglückt ist.

Gleich wie Juval strahlt auch Sigmundskron auf mich eine ganz besondere Atmosphäre aus und es wundert mich nicht, dass Reinhold Messner Architektur studiert hat, sein Auge für das Schöne ist unbestritten.


Bella Italia hat mir ganz neue Facetten gezeigt – auch ohne Meer.