Alleine Reisen, ein Thema das mir am Herzen liegt. Viele würden gerne, trauen sich jedoch vielleicht nicht. Ich habe es gewagt, als 44-Jährige, ohne viel Backpacker Erfahrung, fünf Monate mit dem Rucksack durch Peru, Ecuador und Kolumbien. Hier gibt es ein paar Tipps, gespickt mit Geschichten aus dem Alltag einer allein reisenden Frau.


Lima (Peru). Die ersten drei Wochen begleitet mich eine Freundin – ihr Gepäck kommt nicht an. Erst nach geschlagenen fünf Tagen sind Rucksack und Besitzerin wieder vereint. Am nächsten Morgen ist sie krank, ich organisiere den Notarzt, der packt sie in sein Auto. Nach einem (teuren) Tag am Tropf in einer peruanischen Schönheitsklinik ist sie wieder putzmunter – ich bin mir sicher, alleine kann es nur noch einfacher werden.


Willst du das wirklich, alleine losziehen? Du wirst auf dich alleine gestellt sein, musst sämtliche Entscheidungen selber treffen. Du wirst die schönsten Erlebnisse vielleicht mit niemandem teilen können. Du wirst dich selbst in den Hintern treten müssen wenn du mal nicht gut drauf bist, es braucht Energie ständig zu planen, recherchieren und organisieren und du wirst vermutlich ganz oft über deinen Schatten springen müssen. Nicht jeder (gilt sicher auch für Männer) fühlt sich wohl dabei. Aber wenn das dein Ding ist und du Lust hast auf so einen Trip, dann nix wie los, trau dich?

Grundkenntnisse in Spanisch sind für eine Südamerikareise ungemein hilfreich, es macht dich gleich sympathischer und öffnet Türen. Glaub mir, der Alltag auf Reisen ist viel weniger anstrengend wenn du nicht schon beim Frühstück die Speisekarte übersetzen musst, unterwegs einfach mal nach dem Weg fragen oder mit dem Taxifahrer die Preise in spanisch verhandeln kannst. Besorg dir zudem auf jeden Fall ein Online-Wörterbuch mit offline Funktion.


Iquitos (Peru). Am Amazonas taucht der Kanadier auf, genau als ich beginne mich einsam zu fühlen. Er kommt direkt aus einem Ayahuasca-Retreat und ist auf der Suche nach sich selbst. Wir verplaudern den Abend, laufen uns zufällig am nächsten Morgen wieder über den Weg und machen spontan einen Ausflug zusammen. Gemäss Facebook hat er inzwischen seinen Weg gefunden.


Um Kontakte zu knüpfen sind Hostels meist besser geeignet als Hotels, sie sind eine wahre Fundgrube für Informationen und du kannst im Normalfall auch Touren und Ausflüge buchen. Nein, man teilt sich nicht zwingend Zimmer und Bad mit Fremden, es gibt durchaus auch nette Einzelzimmer. Dann setzt man sich in den Aufenthaltsraum (Garten oder Terrasse geht natürlich auch), blickt sich freundlich lächelnd um und oft ist man schnell in Kontakt mit anderen Gästen. Wer hat bessere Tipps zu Reisezielen als Leute die gerade von da kommen? Manchmal muss man sich einfach trauen jemanden anzusprechen. Was kann schon passieren? Die meisten Leute wirst du nie wieder sehen.

Soll man Unterkünfte im Voraus reservieren oder spontan vor Ort etwas suchen? Ich fühle mich meist wohler wenn ich irgendwo ankomme und weiss wohin, vor allem in grossen Städten, nach einer elend langen Busfahrt oder bei Ankunft am späten Abend. Buchen kann man (auch sehr kurzfristig) über die gängigen Portale wie booking.com, hostelworld.com oder direkt bei der Unterkunft. Schau dir die aktuellen Bewertungen an, da findest du oft Hinweise wie du am besten in die Unterkunft kommst, wie gut die Lage wirklich ist, ob gerade umgebaut wird und vieles mehr. Reist man alleine, ist meist eine zentrale Unterkunft empfehlenswert. Aber keine Angst, du wirst auch ohne Reservation immer irgendwo ein Bett finden und manche mögen es grundsätzlich lieber spontan.


Iquitos (Peru): Zurück vom Dschungel sitze ich auf einer Parkbank, lese und warte bis ich im Hotel einchecken kann. Da spricht mich der „Künstler“ an, er hat lange schwarze Haare, malt düstere Bilder und fertigt Schmuck an. Plötzlich küsst er meine fettigen, seit Tagen ungewaschenen Haare, ich höre nur noch amor und corazón, mir wird er unheimlich und ich ergreife die Flucht.


Unterwegs hört man immer mal wieder Horrorgeschichten von Überfällen und in Quito fragt mich eine Angestellte bei einem Tour-Veranstalter völlig entsetzt warum ich mein Geld nicht im Büstenhalter verstecke – ich finde man kann es auch übertreiben. Lass dich nicht verrückt machen aber sei auf der Hut. Fragt man nach, passieren ganz viele Überfälle mitten in der Nacht (dann schlafe ich) oder in Gegenden die in jedem Reiseführer als potenziell gefährlich eingestuft sind. Natürlich kann man Pech haben und zur falschen Zeit am falschen Ort sein, aber ich kenne ganz viele Leute (inklusive mich selber) die ohne Probleme mehrere Monate durch Südamerika gereist sind.

Auch einsame oder eher langweilige Momente gibt es auf Reisen, die muss man aushalten können. Ich lese gerne, während meiner Zeit in Südamerika habe ich über 20 Bücher verschlungen. Praktisch sind digitale Medien, zum Beispiel auch Hörbücher. Viele Reisende laden sich Filme oder Serien auf ihr Tablet. Meist habe ich trotzdem noch ein „richtiges“ Buch im Gepäck, gelesen lässt es sich problemlos in Hostels oder Cafés tauschen und es kann auch mal mit an den Strand und braucht keinen Strom. Eine schöne Idee ist ein Tagebuch. Nimm ein leeres Heft mit und schreibe jeden Tag kurz auf wo du bist und wie es dir geht. Dazu kannst du Tickets, Postkarten, Visitenkarten und ähnliches einkleben oder auch etwas zeichnen. Auf jeden Fall hast du nach der Reise ein tolles Souvenir und Nachschlagewerk.


Canoa (Ecuador). Der „Brasilianer“ ist mein Zimmernachbar in Puerto Lopez, wir machen Smalltalk und ich höre ihn durch die Wände singen wenn er duscht. In Canoa ist er wieder da. Ohne uns zu verabreden treffen wir uns in diesen Tagen ständig, ist auch kein Wunder in dem kleinen Ort. Dann sitzen wir irgendwo und beobachten Leute, laufen durch die Strassen oder schweigen gemeinsam. Als sich unsere Wege trennen wissen wir nicht einmal die Namen voneinander.


Viele Backpacker hetzen durch die Welt, heute hier und morgen da, man will nichts verpassen, muss alles gesehen haben und am Schluss weiss man gar nicht mehr wo man überall war. Dabei passieren die tollsten Sachen oft an völlig unspektakulären Orten. Zudem sind die Hot Spots meist total überlaufen, teuer und manchmal driften Erwartungen und Wirklichkeit weit auseinander. Nimm alles an Sehenswürdigkeiten mit was auf deinem Weg liegt aber habe auch mal den Mut etwas links liegen zu lassen.

Alleine essen gehen, für viele eine Horrorvorstellung. Warum eigentlich? Niemand stört sich an dir, du bist die einzige die damit ein Problem hat. Nimm etwas zum Lesen mit, nutze das WLAN und wer weiss, vielleicht ergibt sich sogar ein Gespräch. Mir hat zum Beispiel mal ein Schweizer beim Essen seine Lebensgeschichte erzählt. Eine Alternative sind die Küchen in den Hostels, falls man lieber selber kocht und nicht sehr heikel ist was Hygiene anbelangt.


Calí (Kolumbien). Party-Time am Samstagabend im Hostel, ich fühle mich alt unter all den jugendlichen Backpacker. Dann finde ich den „Türken“, ihm geht es wohl ähnlich. Ein Langzeit-Reisender, ein Mensch mit Tiefgang, seine Erzählungen sind unglaublich spannend, er bewegt sich ausserhalb der Touristenpfade. Zudem ist er ein ausgezeichneter Fotograf, seine Fotos berühren mich.


Networking ist auch auf Reisen ein Thema, es lohnt sich mit sympathischen Personen Telefonnummern auszutauschen oder sich auf sozialen Medien zu befreunden. Die meisten Kontakte wirst du nach der Reise eher früher als später wieder löschen, aber du weisst nie wozu die noch gut sein können. So treffe ich den netten Türken unverhofft in Bogotá nochmals, in einer Stadt die nie auf meinem Plan stand und zu einer Zeit wo er längst weit weg sein wollte.

Die Welt ist klein, ich staune immer wieder wie viele Leute irgendwo jemanden kennen, solche Kontakte solltest du nutzen. Spannend zum Beispiel, mal mit einem ausgewanderten Landsmann einen Kaffee zu trinken und über seine Erfahrungen zu plaudern, da wird dir vermutlich eine ganz neue Sicht auf dein Reiseland vermittelt. Solche Kontakte können zudem hilfreich sein wenn Probleme auftreten und ganz bestimmt bekommst du wertvolle Tipps die nicht in einem Reiseführer stehen.


San Andrés (Kolumbien). Auf einem Ausflug lerne ich die „Deutsche“ kennen, das passt sofort mit uns. Am nächsten Tag radeln wir zusammen um die Insel und haben unglaublich viel Spass. Leider trennen sich unsere Wege danach schon wieder – nicht für lange, nur wissen wir das da noch nicht.


Organisierte Ausflüge sind oft eine gute Sache. Du musst dich ausnahmsweise um nichts kümmern und hast den ganzen Tag Gesellschaft. Manchmal ergibt sich im Anschluss noch ein Nachtessen oder sogar eine weitere gemeinsame Aktivität. Ganz oft habe ich Leute, die mit mir auf einer Tour waren, zufällig wieder angetroffen, manchmal Tage oder Wochen später.

Meinen Tiefpunkt erlebe ich in Cartagena (Kolumbien). Das Treffen mit einer Bekannten aus der Schweiz fällt ins Wasser, ich finde seit Tagen keinen Anschluss und habe überhaupt keinen Plan wie meine Reise weitergehen soll. Keine Panik wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Gönn dir was Besonderes, gehe ins Kino oder in ein Museum, buche eine Massage, setze dich mit einem spannenden Buch in ein hübsches Café oder frag in deiner Unterkunft nach möglichen Aktivitäten oder Veranstaltungen. Manchmal braucht man solche Durststrecken und immer (wirklich!) geht es ganz plötzlich wieder wie von selbst.


Bogota (Kolumbien): Meine Rettung kommt per WhatsApp. Die „Deutsche“ ist wie ich gerade etwas ratlos, ihre Pläne haben sich wegen Streiks zerschlagen. Sie organisiert uns einen gemeinsamen Trip, wir verabreden uns in Bogotá. Ich bin zwei Tage vor ihr da und treffe den „Türken“ an. Er ist krank, zeigt mir trotzdem die Gegend und am Abend chillen wir mit der Katze auf dem Hostel-Sofa und lesen Horoskope.


Als Ü-40 gehört man in der Backpacker-Szene zu der älteren Generation, die jüngeren Reisenden haben meist andere Interessen oder Prioritäten und sind häufig in Gruppen unterwegs. Doch du wirst garantiert Leute treffen die auf deiner Wellenlänge sind und dann ist das Alter nebensächlich. Ein wachsendes Kundensegment in Hostels sind – denke ich – (Früh-)Pensionierte auf Langzeitreisen.

Versuche deinen Bargeldvorrat immer rechtzeitig aufzustocken. Zwar bekommt man Geld problemlos an Bancomaten aber eben, es sind südamerikanische Automaten und die sind nicht immer zuverlässig. Verteile an verschiedenen Orten in deinem Gepäck ein paar Dollarnoten als Reserve – und versuche dich später wieder an die Verstecke zu erinnern.


Caño Cristales (Kolumbien). Wunderbare Tage mit der „Deutschen“, Wanderungen in unglaublicher Natur und ein abenteuerlicher Flug in einem kleinen Propeller-Flugzeug. Wir sind wohl die einzigen Touristen hier im Ort und abends übersetzen wir Werbetexte für die Touristeninformation, machen Party mit der Dorfjugend und sehen am nächsten Morgen beide nicht besonders frisch aus.


Bleibe offen für spontane Aktionen, verplane dich nicht und sei flexibel, Abenteuer beginnen da wo Pläne enden. Ich wollte auf gar keinen Fall nach Bogotá und schlussendlich hatte ich genau in dieser Stadt eine tolle Zeit. Vom caño cristales habe ich vorher nie gehört und nun zählt der Trip in diese noch unbekannte Gegend zu den absoluten Höhepunkten meiner Reise.

Obwohl Nachtbusse sehr beliebt sind (man spart sich die Hostelkosten) mag ich diese Fahrten nicht besonders, vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Entweder hängt man ewig rum bis der Bus endlich abfährt oder man muss sich am Morgen die Zeit vertreiben bis zum Check-In am neuen Ort. Aber manchmal ist ein Nachtbus definitiv die beste Lösung und in der Regel sind diese überraschend luxuriös, besonders in der Kategorie „cama“. Also auf jeden Fall ausprobieren.

Wäsche kann man in Südamerika überall waschen lassen. Stell dich darauf ein, dass mal eine Socke den Besitzer wechselt, plane den Abholtermin nicht zu nahe an deine Abreise und kontrolliere ob du den richtigen Sack zurück bekommst. Angeschriebene Öffnungszeiten und versprochene Erledigungsfristen sind in „lavandarías“ nicht unbedingt verbindlich.


Cusco (Peru): Im Hostel quatscht mich der „Peruaner“ an. Unser Gespräch entwickelt sich in die falsche Richtung, ich ziehe mich zurück, er bleibt hartnäckig an mir dran. Einen Nachmittag verbringe ich bei Starbucks um ihm aus dem Weg zu gehen, mit dem Nachtbus verlasse ich die Stadt und bin ihn los.


Die Freundin, die ich in Cartagena verpasst habe kommt überraschend nach Peru. Was überhaupt nicht geplant war entwickelt sich zu einem tollen Trip an den Titicacasee, weiter nach Bolivien, durch die Salar de Uyuni bis nach Chile und zurück nach Peru. Für mich der perfekte Abschluss meiner langen Reise. Etwas früher als geplant trete ich meinen Rückflug an, praktisch wenn sich das Flugticket ohne grosse Kosten umbuchen lässt.





Als Frau alleine nach Südamerika?
Jederzeit wieder!

Gut zu wissen:

  • Taschen in Restaurants auf keinen Fall auf den Boden stellen oder an die Stuhllehne hängen.
  • Abends nicht unbedingt die Handtasche spazieren führen und deinen Schmuck lässt du besser gleich ganz zu Hause.
  • Pass auf mit Rucksäcken, in Menschenmengen merkst du nicht wenn sich an deinem Rücken jemand Zugriff verschafft.
  • Erkundige dich in deiner Unterkunft wo es (vor allem nach Einbruch der Dunkelheit) sicher ist und wo weniger.
  • Im Zweifelsfall (besonders am Abend) immer ein Taxi rufen lassen – auch für kurze Strecken.
  • Gewöhne dich daran, jeden Tag (manchmal mehrmals) zu erzählen wer du bist, woher du kommst, wie lange du reist und wohin du als nächstes gehst.
  • Erzähle nicht gleich jedem wo du wohnst und erfinde ruhig auch mal einen (nicht vorhandenen) Begleiter der auf dich wartet oder angeblich gleich kommt.
  • Ins Tagesgepäck gehören immer ein Notvorrat Klopapier und ein paar Kekse, Müesliriegel oder ähnliches, damit bist du für (fast) alle Fälle gerüstet, du weisst nie wie lange eine Busfahrt dauern kann.
  • Lass die Angestellten in deiner Unterkunft wissen was du vor hast, oft bekommst du noch Tipps oder vielleicht hat ein anderer Gast ähnliche Pläne und ihr könnt euch zusammen tun. Zudem ist es immer gut wenn jemand weiss wo du bist. Mit wurde tatsächlich auch mehrmals ein Hund als Begleitung für Spaziergänge angeboten.
  • An Reisetagen Pass/Wertsachen möglichst nahe am Körper tragen. Ist dein Gepäck/Wertsachen im Hostel solltest du mindestens eine Kopie vom Pass bei dir haben und die Passnummer lernst du sowieso am besten auswendig, die benötigst du ständig.
  • Digitalisiere alle wichtigen Dokumente (Flugtickets, Pass, Versicherungspolicen) und speichere alles irgendwo ab wo du im Notfall Zugriff hast, zum Beispiel in einer E-Mail an dich selber.
  • Bei google maps (oder maps.me) kannst du Landkarten downloaden und später offline nutzen. Hilfreich finde ich eine App mit Kompass-Funktion und ein Währungsrechner. Oft genutzt zum Planen habe ich die App „rome2rio“ (So geht’s von A nach B).
  • Ins Gepäck gehört ein kleines Schloss um Rucksack/Koffer abzuschliessen und/oder Wertsachen einzuschliessen. Praktisch ist ein kleiner Karabinerhaken, damit kannst du alle möglichen Dinge irgendwo befestigen.

Vertraue deinem Bauchgefühl. Nicht jede/r hat das gleiche Empfinden was Sicherheit betrifft, solange du dich wohl fühlst ist meist auch alles ok.

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben.

Theodor Fontane