Es ist nicht so, dass ich den Winter nicht mag. Verschneite Landschaften sind ein Traum und Skifahren liebe ich. Trotzdem hab ich in der kalten Jahreszeit ständig das Gefühl zu frieren. Da kommt so eine kleine Flucht, ein Mädel-Städtetrip in den Süden, gerade richtig. Nur drei Flugstunden sind es nach Marrakesch und schlagartig erwachen meine Lebensgeister.

Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner haben Zeit

afrikanisches Sprichwort

Wohnt man in der Medina, ist man schon mittendrin in der Welt der Souks. Ein einzigartiges Labyrinth, ein riesiges „Open-Air-Shopping-Center“, alles was das Herz begehrt kann man hier kaufen: Teekannen, Geschirr, Lampen, Kleider, Teppiche und vieles mehr. Enge Gassen voller Menschen, in der Luft der Duft nach Gewürzen und Räucherstäbchen, eine faszinierende andere Welt, Marrakesch hält alle Sinne auf Trab. Wenn es zuviel wird setzt man sich auf die niedrigen Stühle in einem der zahlreichen Cafés, bestellt eine Kanne Pfefferminztee und atmet tief durch.

Gute Nerven, Zeit, Geduld und Humor sind in diesem Gewusel von Nöten. Motor- und Fahrräder, Eselkarren, Menschen, einfach alle und alles zwängt sich durch die schmalen Strassen, manchmal hilft nur noch ein Sprung auf die Seite um nicht um- oder angefahren zu werden. „Habt ihr euch verlaufen?“ fragen uns die Verkäufer, „nein, nein, alles bestens“ antworten wir. Minuten später stehen wir in einer Sackgasse und müssen zurück, vorbei an den grinsenden Ladenbesitzer. Verlaufen ist vorprogrammiert und gehört irgendwie dazu, mit der Zeit entwickelt man ein Auge für versteckte Wegweiser.


Wahrzeichen der Stadt ist die Kutubiya Moschee, das 77 m hohe Minarett ist nicht zu übersehen und ein guter Orientierungspunkt. Als Nicht-Muslim bleibt der Blick ins Innere verwehrt.


Der Djemma el Fna (Platz der Gehenkten) oder einfach „la place“ ist das historische Zentrum der Stadt, da ist immer was los. Frauen bieten Henna-Tattoos für Hände und Füsse an, Männer verkaufen Wundermittelchen, alle hoffen auf ein Geschäft. Ich bin wohl etwas zu schroff zu einem Mann der sich als kostenloser Touristen-Guide ausgibt, er knurrt mich an und meint „I don’t like you“. Tagsüber hallt das Flöten-Gedudel der Schlangenbeschwörer über den Platz, am Abend die Stimmen der Marktschreier. Spiesse, Fisch und Kebab, „alles bio, alles regional“, wird angepriesen. Wer es exotisch mag, kann gekochte Schnecken und Schafsköpfe probieren.

Gemütlich und ungestört sitzt man auf den Terrassen der Restaurants rund um den Platz. Es ist super touristisch aber auch super schön, besonders am Abend wenn die Sonne untergeht und sich der Himmel verfärbt.


„Place des Epices“, der Gewürzmarkt, hier ist alles etwas ruhiger und beschaulicher, es zieht uns immer wieder dahin. Zum Stammlokal erklären wir das „Café des Epices„, ein wunderbarer Ort zum Verweilen bei einem Avocado-Orangen-Dattel-Saft, einem Kaffee mit Gewürzen oder einem „Noss-Noss“ (halb Kaffee halb Milch). Auch die Lamm-Tajine schmeckt super. Gegenüber das angesagte Café Nomad mit einer etwas exklusiveren Speisekarte. Witzig sind die Strohhüte, die man sich in allen Lokalen ausleihen und als Sonnenschutz aufsetzen kann.

Nochmals eine Spur ruhiger ist es am nahen Früchte- und Gemüsemarkt, die Terrasse im „Bigua“ ist modern und sehr einladend, die leckeren Couscous empfehlenswert.


Eher zufällig entdecken wir die Saadier-Gräber und da wir schon mal hier sind lösen wir ein Ticket und gehen rein. Der maurische Friedhof ist mit Mosaiken und Marmor ausgestattet und zählt zum Weltkulturerbe der UNESCO, lange war der Eingang zugemauert und die Grabstätte geriet in Vergessenheit. Es riecht nach Orangen, die Äste der Bäume biegen sich unter dem Gewicht der vielen Früchte.


Der Bahia-Palast ist nach der Lieblingsfrau eines Grosswesirs benannt, er soll mit vier Frauen und 80 Kunkubinen hier gelebt haben. Wow, ich kann mich kaum satt sehen, was für grossartige Mosaike, was für tolle Innenhöfe. Die Schönheit der marokkanischen Baukunst liegt im Detail, es lohnt sich etwas Zeit mitzubringen und sich in Ruhe umzuschauen.


Eine kleine Oase für eine Verschnaufpause (aber längst kein Geheimtipp mehr) findet man im Jardin Secret mitten in der Medina. Man sitzt auf Bänken unter Olivenbäumen umgeben von duftendem Lavendel oder man trinkt einen Pfefferminztee oder einen Saft im Café. Eine kurze interessante Führung gibt es im Turm und dazu einen wunderbaren Panoramablick bis zum Atlas-Gebirge.


Das Maison de la Photographie trumpft mit seiner Dachterrasse mit Café. Die Wände des einst prunkvollen Palastes schmücken Schwarz-Weiss-Bilder die Einblicke in die Geschichte von Marrakesch und die Berberkultur geben.


Noch nicht so bekannt und nicht überlaufen ist der ANIMA Garten. Ausserhalb der Stadt hat sich der österreichische Universalkünstler André Heller ein kleines Paradies geschaffen. Vom Parkplatz hinter der Kutubyia Moschee fährt mehrmals täglich ein Gratis-Shuttle. Im Vorteil ist, wer sich das Eintrittsticket online besorgt und die Fahrt reserviert. Bei uns klappt es spontan mit einem Platz im Bus.


Die Bäderkultur des Orients ist Jahrhunderte alt, wir lassen uns einen Termin in einem der unzähligen Hammam geben – und haben keine Ahnung was uns erwartet. Zimperlich darf man nicht sein bei der Prozedur. Auf einer (zu) heissen steineren Bank liegend beginnt das, was hier „Gommage“ genannt wird. Mit einem rauen Handschuh wird der ganze Körper abgerubbelt, zufrieden sind die Damen erst wenn wenn sich die Haut abschält und rot färbt. Belohnung ist die anschliessende Massage, eine wirklich zarte Haut und ein wohliges Gefühl.


Essaouira, die windige Stadt am Atlantik, da will ich unbedingt hin und die Füsse ins Meer tauchen. Unsere Unterkunft vermittelt einen Fahrer und eine Fahrgemeinschaft mit zwei jungen Engländer. Die Fahrt zieht sich, ist aber kurzweilig. Wir stoppen bei einem Café, sehen unterwegs Ziegen auf Bäumen und man zeigt uns wie das berühmte Arganöl hergestellt wird. Zudem werden wir zweimal von der Polizei gestoppt, da ist wohl unser Fahrer etwas schnell unterwegs.

Die Stadt ist bekannt für ihren Hafen mit den blauen Booten, die Fischer verkaufen ihren Fang und die Möwen kreischen. In der Altstadt bröckeln die Fassaden langsam ab, angegriffen von der ständigen Feuchtigkeit. Es dominieren die Farben Weiss, Gelb und Blau, die Atmosphäre ist völlig anders als in Marrakesch. Ein Mann versucht uns einen Ausflug zu verkaufen, wir lehnen freundlich ab und er bietet mir an zu bleiben, als Ehefrau Nummer drei – ich hoffe das ist ein Scherz.

Der Strand lockt für einen Spaziergang und Mittagessen mit Meerblick. Ausnahmsweise gibt es Alkohol auf der Speisekarte, die Gelegenheit ergreifen wir und bestellen eine Flasche Wein aus der Region. Der Kellner zeigt auf eine kleine Insel und meint „das ist Mogador, eine Gefängnisinsel, von da kommt der Wein“. Ein wunderbarer Tag, es würde sich definitiv lohnen hier mindestens eine Nacht zu bleiben.


Zu Marrakesch gehören die Riads, Unterkünfte in traditionellen Stadthäuser der Medina. Wie 1001-Nacht mit wunderschönen Innenhöfen, hübscher Dekoration, Mosaiken und Dachterrassen. Wir wohnen im „Riad Johara„. Astrid, die Besitzerin, stammt aus Deutschland und führt hier ein kleines Juwel, selbst das Schweizer Fernsehen war schon da, für Dreharbeiten mit dem „Bachelor“. Die Lage ist super zentral, alles ist familiär und Buchungen für Ausflüge, Hammam oder Restaurants werden gerne erledigt. Wecker brauchen wir nicht, das übernimmt der Muezzin. Fatima zaubert ein tolles Frühstück auf der Dachterrasse und bringt ungefragt eine Wolldecke, die Temperaturen sind am Morgen noch bescheiden.

Die Zeit vergeht viel zu schnell. Jardin Majorelle, Badi Palast, die Koranschule (aktuell geschlossen wegen Renovation), die Neustadt und vieles mehr müssen warten bis zu einem nächsten Besuch.


Humor und Geduld sind zwei Kamele, mit denen du durch jede Wüste kommst.

Phil Bosmans

Edelweiss fliegt von Oktober bis Mai mehrmals wöchentlich direkt von Zürich nach Marrakesch.

Taxis können nicht in die Medina fahren , die Riads sind oft etwas versteckt und Google maps funktioniert nicht zuverlässig. Kennt man sich nicht aus, ist ein privater Flughafentransfer ganz praktisch. Der Fahrer ruft im Riad an und man wird am Parkplatz abgeholt.

Die Temperaturen erreichen im Februar nachmittags etwa 26 Grad und sinken in der Nacht auf 6 – 8 Grad.