Eigentlich wollte ich nur mit einer Freundin übers Wochenende eine andere Freundin  in München besuchen, wir kennen uns alle drei von einer Biketour in Kuba. Plötzlich war da diese Idee, warum nicht mit dem Velo nach Bayern fahren? Ja warum eigentlich nicht!  Gesagt getan, beide beantragen wir eine Woche Urlaub, rüsten unsere Räder mit Gepäcktaschen aus und haben keine Ahnung auf was wir uns da einlassen.


Friedrichshafen – Lindau (27.8 km / 40 hm)

Mit Zug und Fähre erreichen wir unseren Ausgangspunkt am Bodensee und radeln gleich mal los. Noch fühlt sich alles etwas ungewohnt an, wir sind unorganisiert, wühlen ständig in unseren Taschen und verlieren schon nach einer halben Stunde die ersten Sachen – finden aber alles wieder. Der Bodenseeradweg ist flach und ideal als Einrollstrecke. Bald erreichen wir zufrieden unser Etappenziel, belohnen uns mit dem ersten Radler und schauen uns (ohne Gepäck) die Stadt an. Lohnenswert der Leuchtturm mit einem wunderschönen Blick auf die angeblich schönste Hafeneinfahrt Deutschlands. Beim Nachtessen quatschen wir mit der Familie am Nebentisch. Die Frau fragt uns wie wir das machen mit Shopping auf unserer Tour, ob wir unsere Einkäufe nach Hause schicken? Also ehrlich gesagt interessiert uns Shopping diese Woche überhaupt nicht. Die Kinder verfüttern unser Brot den Spatzen und prompt verkacken die Vögel unsere Räder. Das fängt ja gut an.

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Hotel: Landgasthof Köchlin


Lindau – Oberstaufen (51.8 km / 590 hm)

Kurz nach Lindau verlassen wir den Bodenseeradweg und biegen ab auf den Bodensee-Königssee-Radweg.

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Sofort sind wir weg vom Trubel und haben die Landstrassen für uns alleine. Dann beginnen die ersten Steigungen, alles halb so schlimm, wir haben uns viel zu viele Sorgen gemacht. Der Duft der Lindenbäume begleitet uns den ganzen Tag und wir fahren durch verschlafene Dörfer, jedes geschmückt mit einem Maibaum.

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Der Durst führt uns in ein Pilgerhaus, wir kaufen Getränke (warum gibt es in der Schweiz eigentlich keine Rhabarber-Schorle?) und dürfen unsere Wasserflaschen mit frischem Quellwasser füllen. Mit der Zeit werden die Beine doch etwas schwer und wir sind froh das Ortsschild in Oberstaufen zu erblicken. Doch oh nein, bis in die Ortsmitte geht es nochmals über einen Hügel und dann verpassen wir auch noch eine Abzweigung und müssen die letzten Kilometer auf der Hauptstrasse fahren. Entschädigung ist das tolle Hotel und der Kaiserschmarrn am Marktfest.

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Hotel: Bayerischer Hof
Essen: Restaurant Kuhstall


Oberstaufen – Nesselwang (54.4 km / 450 hm)

Ernüchterung am Morgen, 11 Grad und Sprühregen! Und das nennt man Sommer. Wir zögern die Abfahrt heraus und trödeln durch den Supermarkt. Gegen Mittag machen wir uns auf den Weg und probieren unsere Regenkleidung aus. Alle paar Minuten ziehen wir uns um. Poncho an, Poncho aus, Regenhose an Regenhose aus, dünne Jacke oder doch lieber die dicke Jacke – alles wird ausgepackt. Bis wir das ideale Tenü gefunden haben hört es auch schon wieder auf zu regnen.

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Irgendwie kommen wir nicht vom Fleck, da wollen die Kühe fotografiert werden, der grosse Alpsee erfreut unsere Augen und auch für ein Schwätzchen hier und da nehmen wir uns Zeit. Ab Immenstadt strengen wir uns an und treten in die Pedale, es sind auch noch einige Höhenmeter zu bewältigen. Nun scheint die Sonne, so macht es Spass. Bei der Kirche in Petersthal rasten wir noch eine Weile. Das Hotel liegt etwas oberhalb vom Dorf, ein steiler Fussweg führt hinauf, da hilft nur noch schieben. Wir sind schon etwas stolz wenn wir jeweils sehen wie die anderen Hotelgäste nach Steckdosen suchen um ihre Akkus aufzuladen.

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Hotel: Hotel Alpenrose
Essen: Brauerei Gasthof Post


Nesselwang – Trauchgang (45.8 km / 230 hm)

Noch etwas verschlafen verpassen wir gleich zu Beginn eine Abzweigung, bemerken den Fehler zum Glück aber schnell. Zurück auf Feld eins, beim zweiten Anlauf erwischen wir den richtigen Weg. Eine fantastische Fahrt durch den Wald erwartet uns und die Höhenmeter kommen heute mal am Morgen. Als Belohnung wartet der Hopfensee, idyllisch gelegen und nett für eine Kaffeepause. Leider laden die Temperaturen nicht zum Baden ein.

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Füssen streifen wir nur kurz für einen WC-Stopp, eine Schweizer Wandergruppe beschenkt uns mit Bonbons. Nächstes Ziel ist das Märchenschloss von König Ludwig. Die Touristenmassen, Currywurst-Buden und Souvenirshops überfordern uns etwas, aber wenn wir schon mal da sind wollen wir Neuschwanstein auch sehen. Mit dem Bus fahren wir hoch zur Marienbrücke (Fahrverbot für Fahrräder), der Blick auf das Schloss ist überwältigend.

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Am Bannwaldsee herrscht wieder paradiesische Ruhe. Im Campingplatz-Restaurant soll es übrigens leckeren Kuchen geben, nur erfahren wir das leider zu spät.

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Da wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, da wohnen wir heute. Eine tolle Unterkunft, Natur pur, der Gastwirt ist unglaublich lustig und schlagfertig. Ein leckeres Schnitzel und ein Obstler runden den Tag ab.

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Hotel: Sonnenbichl


Trauchgang – Kochel am See (67.1 km / 410 hm)

Die Fahrt geht weiter, heute meist auf Schotter. Mal wieder achten wir nicht genau auf die Wegweiser und stehen plötzlich vor der Wieskirche, die liegt eigentlich nicht auf dem Weg. Die Wallfahrtskirche zählt seit 1983 zum Weltkulturerbe und wird jährlich von mehr als einer Million Menschen besucht. Der Abstecher lohnt sich allemal. Die anschliessende Fahrt zurück auf die Route ist nicht beschildert und etwas abenteuerlich, eher für Mountainbikes als für Tourenvelos geeignet, macht aber einen Riesenspass. Ein netter lokaler Radler stoppt und fragt „Madl, kommts zrecht“?

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Eine Dame auf dem Rennvelo weist uns später den (schlecht markierten) Weg nach Bad Kohlgrub. Wir kaufen in einem kleinen Tante-Emma-Laden ein und machen auf dem Dorfplatz Mittagspause. Es gesellen sich weitere Radler dazu, natürlich alle mit E-Bike.

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Wir geben Gas, ein Gewitter sitzt uns im Nacken. Nach einer kurzen Aufhellung erwischt es uns aber in Ohlstadt, mindestens eine halbe Stunde sitzen wir in einem Bushäuschen und warten auf das nächste Zwischenhoch, gut haben wir noch Kekse.

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Trocken erreichen wir unsere Unterkunft. Doch kaum haben wir das wohlverdiente Bier ausgetrunken kommt der nächste Wolkenbruch und wir müssen unsere Fahrräder vor dem Hagelsturm in Sicherheit bringen. Nach dem Essen scheint schon wieder die Sonne und der Kochelsee beschert uns einen fantastischen, wenn auch kühlen Sonnenuntergang. Was für ein Tag.

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Hotel: Gasthof Waltraud
Essen: Kochler Stuben


Kochel am See – Bad Tölz (26.1 km / 160 hm)

Leider hat der Wetterbericht Recht behalten, Dauerregen ist angesagt. Zum guten Glück steht nur eine kurze Etappe auf dem Programm. Beim Kloster Benediktbeuern kaufen wir eine Tafel Schokolade (das hübsche Café ist leider noch geschlossen) und machen eine kurze Pause.

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Wir bekommen Begleitung von einem einsamen Radler aus Stuttgart. Der Herr fährt bis Bad Tölz mit uns mit und hat einiges zu erzählen. Klatschnass erreichen wir am Mittag unser Hotel und nach einer heissen Dusche und einem Tee mit Rum geniessen wir den freien Nachmittag im Städtchen. Bald radelt  unsere Freundin aus München an, auch bei ihr tropft alles. Wir feiern unser Wiedersehen, die Bürgersteige werden jedoch früh hochgeklappt in Bad Tölz, man schmeisst uns aus der Bar raus.

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Hotel: Kolberbräu
Café: Heimat


Bad Tölz – München (53.8 km / 270 hm)

Zu dritt geht die Reise dem Ziel entgegen. Wir verlassen den Bodensee-Königssee-Radweg und fahren dem Isarradweg entlang.

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Das Wetter wird langsam besser, die Waldwege sind aber noch ziemlich matschig und rutschig. Einmal mehr ist unsere Mountainbike-Erfahrung ganz hilfreich. Unsere ortskundige Freundin zeigt uns alle Highlights auf der Strecke und natürlich nehmen wir uns Zeit für eine Pause im Biergarten. Schmutzig und müde erreichen wir die Stadt und können kaum glauben, dass wir tatsächlich vom Bodensee bis nach München geradelt sind. Die Sonne strahlt mit uns um die Wette.

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München Citytour (31.8 km / 220 hm)

München gilt als Radlhauptstadt, gut haben wir die Räder dabei. Wir fahren in die Stadt, besuchen den Viktualienmarkt, den Marienplatz, die Frauenkirche und den Alten Peter. Natürlich führt unsere Citytour auch in den Englischen Garten, wir essen Brezen und Obazda beim Chinesischen Turm und bewundern die knackigen Surfer-Boys am Eisbach. Es ist endlich wieder Sommer in der Stadt, die Wiesen und Kiesbänke an der Isar sind voller Menschen. Viel zu schnell vergeht die Zeit, am Abend geniessen wir nochmals die herzliche bayrische Gastfreundschaft bei unseren Freunden.

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Rückfahrt

Die preisgünstigste Option für die Rückfahrt nach Zürich ist der Flixbus, allerdings hat der Fahrer offensichtlich keine Erfahrung mit Fahrrädern, alles ist etwas hektisch und es braucht ein paar laute Worte damit die Räder richtig fest gezurrt werden.

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Schlussendlich sind wir 359 km geradelt (ohne die Stadtbesichtigung in Lindau und die Fahrt zum Busbahnhof) und haben 2400 Höhenmeter überwunden. Der Bodensee-Königssee-Radweg ist (ohne E-Bike) eher für sportliche und trainierte Leute zu empfehlen. Unterkünfte haben wir jeweils am Vorabend online reserviert. Wir haben die Etappen bewusst eher kurz gehalten (plus/minus 50 km pro Tag). So blieb genügend Spielraum für Besichtigungen unterwegs oder Wetter bedingtes Trödeln und wir haben nie den Spass am Radeln verloren.

Meine erste Reise mit dem Tourenrad war mega lässig. Noch fehlt uns der zweite Teil vom Bodensee-Königssee-Radweg (von Bad Tölz zum Königssee), mal schauen wann die Tour eine Fortsetzung findet.

Links zu den Radwegen:
Bodenseeradweg
Bodensee-Königssee-Radweg
Isarradweg