Mit der Einreise in Kuba beginnt eine Zeitreise und man schaltet automatisch einen Gang zurück. Facebook und Instagram sind plötzlich weit weg, Pferdekutschen und alte klapprige Autos prägen das Strassenbild,  Musik und Salsa liegen in der Luft, Konsumgüter sind nur beschränkt erhältlich und eine funktionierende WC-Spülung sowie Klopapier sind nicht mehr selbstverständlich. Irgendwie hat mich Kuba verzaubert und so heisst es zum dritten Mal in drei Jahren „bienvenidos en Cuba“.

Was gibt es schöneres als ein Land mit dem Fahrrad zu erkunden. Bike Adventure Tours verspricht eine abenteuerliche Reise durchs kubanische Hinterland mit Übernachtungen bei den Kubanern zu Hause in sogenannten casa particulares und Essen in Paladares (kleinen privat geführten Restaurants) – Kuba autentica!

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La Habana
Die Reise beginnt in Havanna mit einer Überraschung, drei wunderschöne Oldtimer-Cabriolets stehen bereit für eine Rundfahrt. Unser Herz jubelt, besser könnte der Einstieg in unser Kuba-Abenteuer wirklich nicht sein.

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Weiter geht es zu Fuss, wir sehen die schönsten Ecken der restaurierten Altstadt aber auch die weniger schönen Orte wo sonst kaum Touristen hinkommen. Unglaubliche Gegensätze, Verfall neben Protz, Touristen-Nepp neben kubanischem Alltag. La Habana,  eine faszinierende Stadt. Wir lassen den Tag ausklingen bei einem Mojito auf der Terrasse im Hotel Nacional mit Blick auf den Malecón und essen im Restaurant von Dayron Robles, einem kubanischen Hürdenläufer und Olympiasieger.

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Santiago de Cuba
Unserem Reisleiter fällt ein Stein vom Herzen als wir am nächsten Morgen einigermassen pünktlich (und früh) in Santiago de Cuba landen, anscheinend sind Inlandflüge in Cuba nicht besonders zuverlässig. Erwartet werden wir von unserem Begleitbus mit den Bikes, dieser hat für die Strecke von Havanna nach Santiago 17 Stunden gebraucht und das in strömendem Regen. Bei unserer Ankunft zeigt sich dann aber die Sonne und bald sind wir bereit für die erste Ausfahrt. Wir besichtigen das Fort, baden im Meer und sehen das Grab von Fidel und anderen kubanischen Persönlichkeiten.  Heute übernachten wir ausnahmsweise in einem Hotel, mitten im Zentrum und haben Zeit um erstmals in das kubanische Nachtleben einzutauchen, allerdings rächt sich die frühe Tagwache.

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Sierra Maestra
Bereits der zweite Biketag hat es in sich, wir überqueren die Sierra Maestra zum ersten Mal und bezwingen 1300 knackige Höhenmeter – und das an meinem Geburtstag. Doch die herrlichen Ausblicke und die tropische Vegetation entschädigen für alles. Zudem haben wir viel Zeit und der Begleitjeep stellt die Verpflegung sicher. Es macht einfach nur Spass durch diese einsamen Gegenden zu radeln, immer mal wieder begegnen wir Kubanern zu Fuss oder mit Pferd und alle haben ein Lächeln oder ein freundliches „hola“ für uns übrig, vermutlich fragen sie sich aber insgeheim was wir da machen. Bereits ein paar Tage später überqueren wir dann die Sierra Maestra ein zweites Mal und wieder ist es ein anstrengendes aber einmaliges Erlebnis. Auf dem Gipfel hören wir Donnergrollen und es zieht Nebel auf. Mir wird Angst und Bange wenn ich an eine Abfahrt im Regen denke. Doch wir haben Glück, fahren dem Gewitter davon und können die Schussfahrt trotz fiesen Gegensteigungen so richtig geniessen. Als Belohnung wartet eine kleine Bucht, das Wasser hat Badewannen-Temperatur, einfach herrlich.

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Die Übernachtung in Pilon ist ein Highlight, auch wenn das Zimmer im  casa particular nicht viel Komfort bietet und nicht unbedingt unseren Geschmack trifft. Hier sind wir wahrhaftig abseits der Touristenströme. Das Nachtessen geniessen wir in einem privaten Restaurant und die Getränke werden nach unserer Bestellung  im Dorf organisiert. Anschliessend in einer Bar kaufen wir eine Flasche Rum und ein paar Büchsen Cola (viel anderes hat es nicht), doch es gibt keine Gläser. Kein Problem, jemand radelt rasch nach Hause und holt Becher. WC? Auch Fehlanzeige, aber in Kuba ist Gastfreundschaft selbstverständlich und die Not leidende Person wird kurzerhand in eine Wohnung geführt. Für den Heimweg stehen Pferdekutschen-Taxis bereit. Authentischer geht es wohl wirklich nicht.

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Bayamo
Die Kutschenstadt erreichen wir pünktlich zum ersten Todestag von Fidel und hier bleiben wir zwei Nächte und natürlich machen wir eine Rundfahrt im Pferdegespann. Unser kubanischer Guide erzählt uns in einer sehr emotionalen Rede viel über Stadt und Land und singt uns die Bayamesa, die Nationalhymne vor. Wir sitzen in gemütlichen Bars (da gibt es zwar keine Cola dafür aber Cuba libre)  und bekommen ein vorzügliches Essen in unserem casa particular. Zwar beschränkt sich die Auswahl auf der Speisekarte  immer auf die gleichen paar Sachen, schmecken tut es aber immer gut. Überall in Kuba sind Musiker unterwegs und mit der Zeit können wir die immer gleichen Lieder mitsingen.

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Dann radeln wir durch das Hinterland und durch kleine Dörfer zu einem Fluss mit Bademöglichkeit. Unsere Reiseleiter muss improvisieren, der Weg ended plötzlich in einem See. Immer wieder treffen wir Guajiros, kubanische Bauern, die ihre Felder noch mit Ochsen pflügen, es ist eine andere Welt. Viele Kubaner sind ebenfalls mit Velos unterwegs und einige überholen uns sogar problemlos mit ihren uralten rostigen Fahrrädern.

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Niquero
Nun wird es richtig abenteuerlich, unser kubanischer Guide im Jeep schwitzt wohl mehr als wir auf den Bikes. Er ist schon länger nicht mehr Auto gefahren und muss heute viele Furten, Schlammlöcher und kleine Flüsse passieren. Auch wenn das Auto leidet, es macht ihm sichtlich Spass –  und uns natürlich auch mit den Bikes. Niquero erinnert an eine Westernstadt und ist alles andere als touristisch. Wir verbringen den Abend bei einer kubanischen Familie, essen Spanferkel, vernichten ein paar Flaschen Rum und Zigarren machen die Runde. Im Wohnzimmer dröhnt aus dem TV laute Musik und es wird getanzt. Die Oma wippt auf dem Sofa mit, wegen einer Hüftverletzung kann sie leider nicht mitmachen was ihr sichtlich schwer fällt. Wir können (mit Ausnahmen)  natürlich nicht mit den kubanischen Tänzern mithalten, aber wir haben Spass und erleben einen unvergesslichen Abend.

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Cabo Cruz, der südlichste Punkt Kubas
Nach der Fiesta steht zum Glück ein lockerer Tag auf dem Programm. Wir radeln gemütlich zum Nationalpark „Desembarco del Granma“, hier gingen die Revolutionäre Fidel Castro und Che Guevara mit ihren Genossen an Land, um die Batista-Diktatur zu stürzen. Anschliessend geniessen wir beim Leuchtturm ein feines Fischgericht und haben auch noch Zeit zum baden.

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Manzanillo
Auch hier wohnen wir in verschiedenen casa particulares. Das ist jedes Mal ein kleines Spektakel bis alle Zimmer verteilt sind, oft werden Pferdekutschen, Ochsenkarren oder Taxis organisiert um das Gepäck zu transportieren und es ist immer eine Überraschung wie das Zimmer aussieht. Aber meistens sind die casas sehr gemütlich, oft gibt es eine Dachterrasse und immer ist das Frühstück liebevoll angerichtet und reichhaltig. Am Abend treffen wir uns jeweils in einem Restaurant zum Essen, doch was ist da heute los, ein ganzer Stadtteil liegt im Dunkeln. So beginnt der Abend mit Kerzenlicht bis der Stromausfall behoben ist. Am nächsten Morgen nehme ich mir  Zeit für einen Spaziergang, in Manzanillo wäre ich gerne noch etwas länger geblieben.

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Camagüey
Eine längere Busfahrt bringt uns nach Camagüey, in die Inselmitte. Die schöne Kolonialstadt besichtigen wir auf einer gemütlichen Bike-Citytour. Hier ist auch  „Camaquito„, das Schweizer Kinderhilfswerk zu Hause. Wir bekommen Einblick in deren Arbeit, besuchen eine Balletschule und sehen einem jungen kubanischen Tanzpaar mit Down-Syndrom zu.

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Ein fakultativer Bikeausflug führt uns am freien Tag  wieder ins Hinterland, durch eine sensationelle Landschaft, zu einem Restaurant mitten in der Pampa an einem Fluss. Was für ein schöner Tag.

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Sancti Spiritus
Weiter radeln wir auf löchrigen Asphaltstrassen und schottrigen Naturstrassen zum Zaza-Stausee und entlang von Zuckerrohrfelder bis nach Sancti Spiritus. Wir staunen nicht schlecht als mitten in der Stadt vor einem Laden ein Kubaner mit einem Veloshirt von Bike Adventure Tours sitzt. Die Herkunft des Shirts lässt sich nicht klären, die Erklärung des Kubaners ist nicht besonders glaubwürdig. Wir haben Zeit um durch die schöne Stadt zu bummeln und am Abend finden weitere Feierlichkeiten zum kürzlichen Todestag von Fidel statt.

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Trinidad
Dann folgt auch schon das Finale, eine letzte wunderschöne Radtour über die Ausläufer des Gebirges Topes de Collantes. In Manaca-Iznaga besuchen wir den Aufpasserturm aus der Sklavenzeit und trinken Zuckerrohrsaft. Eigentlich wäre die Bikestrecke hier zu Ende aber wir sind uns einig dass wir auch die letzten Kilometer bis ins Herzen Trinidads auf dem Bike zurücklegen wollen.

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Trinidad ist dann fast ein kleiner Schock mit all den vielen Touristen. Trotzdem aber natürlich sehr hübsch mit seinen Kopfsteinpflaster und farbigen Häuser. Wir verbringen einen wunderschönen Nachmittag an der Playa Ancón, gehen auf Souvenirjagd, lauschen der mitreissenden Musik überall in der Stadt und geniessen das Leben. Im casa de la musica treffen wir zufällig eine andere Bike-Adventure-Gruppe, sie sind auf der Classico-Tour.

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Es war eine wunderschöne und zum Glück unfallfreie Reise in einem faszinierenden Land, super organisiert und mit tollen Leuten. Auch wenn alle guten Dinge drei sind – eine vierte Reise nach Kuba ist nicht ausgeschlossen.

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