Für einmal beginnen unsere Bikeferien nicht am Flughafen sondern auf einem Parkplatz in Bad Ragaz. Da werden Bikes und Gepäck in einen Kleinbus verladen und los geht die Fahrt Richtung Süden. Vorbei am schiefen Turm von Pisa erreichen wir am späten Nachmittag Livorno. Es bleibt Zeit für einen ersten Teller Pasta im Städtchen und dann checken wir auf der Fähre ein. Einige schlafen an Deck im Schlafsack, die anderen verkriechen sich in die Kabinen und mit dem ersten Tageslicht erreichen wir Sardinien.

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Von Olbia fahren wir eine Stunde mit dem Bus und dann erwartet uns in Palau ein wunderbares Frühstück in einem Restaurant am Meer. Nun gilt es Ernst, die Bikes werden abgeladen, die Bidons mit Wasser gefüllt und wir starten zu unserem Inselcross von der Nord- zur Südküste. Auf uns warten 9 Veloetappen hauptsächlich auf Naturwegen und Singletrails.

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Schon bald dringen wir in die Einsamkeit des Landesinnern vor. Hin und wieder ein kleines Gehöft, ein paar Kork-Eichen, ein Olivenhain und wunderschöne Felsformationen. Das Highlight am ersten Tag ist der „Trenino-Trail“, eine nicht enden wollende Panoramafahrt per Bike auf dem Bahntrasse einer praktisch still gelegten Eisenbahn. Es bleibt Zeit für eine Kaffee-/Gelatipause in einem kleinen Dorf und die ersten platten Reifen wollen geflickt werden. Bei unserer Ankunft in Pausania haben wir bereits 63 km und gut 1200 Höhenmeter in den Beinen, das Bier, Chips und Oliven haben wir verdient. Einzelne hüpfen noch kurz in den Pool, allerdings wird es empfindlich kühl sobald die Sonne weg ist.

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Am zweiten Morgen regnet es, der Bus fährt uns auf den Monte Limbara, niemand hat so richtig Lust aus dem Auto zu steigen.

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Doch das Wetter bessert sich rasch und pünktlich zum Start der zweiten Etappe verziehen sich die Regenwolken und auf der langen Abfahrt geniessen wir schon wieder eine tolle Aussicht. Natürlich geht es bald wieder den nächsten Berg hoch und dieser hat es in sich. Auf den 4×4 Pisten und Trails müssen alle irgendwann vom Rad steigen und schieben, im hinteren Teil der Gruppe bildet sich eine „Wandergruppe“ und Flüche in verschiedenen Dialekten sind zu hören. Kaum sind wir oben ist alles schon wieder vergessen und wir geniessen die Abfahrt. Wir lernen die Insel von der einsamsten Seite kennen. Auch heute sind es wieder über 1000 Höhenmeter und gut 50 km. Am Abend teilen wir das Hotel mit einer Rennradgruppe aus der Schweiz. Im Gegensatz zu uns müssen die Teilnehmer ihr Gepäck selber aufs Zimmer tragen und auch die Sandwiches am Morgen selber streichen.

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Weiter geht es durch die Region der Barbagia, das Barbaren- und Banditenland. Wir fahren einen bunten Mix aus Natur- und Teerstrassen. Grossartig schlängelt sich der Weg durch einen Korkeichenwald bevor es schliesslich in einer rasanten Schussfahrt nach Bitti hinunter geht. Hier wartet ein schönes Hotel auf uns, hoch über dem Dorf thronend. Die heutige Etappe ist mit 42 km und 800 Höhenmeter etwas kürzer und so bleibt Zeit das Dorf zu erkunden. Allerdings ist absolut nichts mehr los, in den Gelaterias gibt es keine Gelati mehr, die Kirche wird gerade umgebaut und und die Strassen sind wie ausgestorben. Trotzdem hat es seinen Reiz durch die Gassen zu laufen und man entdeckt doch einiges. Eine geöffnete Bar findet sich auch immer und der Kaffee ist in Italien einfach gut – und billig.

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Nun gilt es die grosse Senke zwischen Oristano und Siniscola zu queren. Diese weite Ebene teilt die Insel wie eine Kerbe in Nord und Süd. Vom Hotel ansteigend erreichen wir eine Panorama Höhenstrasse. Dann stechen wir auf einem Trail hinunter ins Tal und steigen aber natürlich gleich wieder auf, die alte Pflastersteinstrasse mit vielen Löcher und losen Steinen fordert nochmals alle Kräfte. Doch dann wartet die Belohnung, eine einfach Abfahrt mit atemberaubendem Ausblick bis zum Hotel direkt am Meer. Auch das war wieder ein Tag mit rund 1200 Höhenmeter. In Cala Gonone sind wir zum ersten Mal in einem touristischen Ort und hier ist es auch am Abend noch schön warm, dafür kommen die Mücken. Das Nachtessen auf der Dachterrasse und das Hotelzimmer mit Meerblick sind definitiv eine Belohnung für die „Strapazen“. Den Abend lassen wir mit einem Spaziergang am Meer und einem Drink in einer Bar mit sehr lauter Musik ausklingen.

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Die 5. Etappe lasse ich aus und fahre mit dem Bus. Dafür helfe ich am Morgen bei der Sandwich Zubereitung und es bleibt auch noch Zeit für einen kleinen Schaufensterbummel. Die anderen strampeln weitere 1700 Höhenmeter. Auf dem Pass treffen wir uns zum Mittagessen. Unser Chauffeur freut sich über eine Co-Pilotin und ich bin völlig zufrieden mit meinem Entscheid zu einem Ruhetag.

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Nach einem kühlen Morgen wärmt uns rasch die Sonne und wir geniessen die Fahrt entlang des Lago Alto di Flumendosa. Landschaftlich eine wunderschöne Etappe, immer wieder mit grandioser Aussicht. Beim Mittagshalt findet uns der Bus nicht, aber wir haben alles dabei was wir brauchen. Wie immer passieren wir diverse Gatter, sehen Schafherden, Kühe und Ziegen. Nach einem Kaffeehalt am Nachmittag in Ulassai trennt sich die Gruppe, einige wählen die einfachere Variante auf der Strasse, die anderen fahren auf einem Singletrail fast bis zum Hotel. Weitere knapp 1200 Höhenmeter und 62 km sind geschafft und einmal mehr liegt das Hotel in grandioser Landschaft, dieses Mal in einem Klettergebiet.

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Beim Frühstück am nächsten Morgen macht sich der Hotel Hund über unsere Sandwiches her. Zum Glück hat es wie immer mehr als genug, so können wir den Verlust verschmerzen. Wieder erwartet uns eine wunderschöne Etappe mit einem 700 Höhenmeter-Downhill. Wie immer ist dann auch der nächste Aufstieg nicht weit und eine Abkürzung erweist sich als keine gute Idee. Der Abstecher in die Büsche bringt uns diverse neue Kratzer an Armen und Beinen. Aber nach dem Mittag erreichen wir das Meer und der Bus erwartet uns mit Wassermelone und Kuchen. Einige nutzen die Pause auch für ein Bad im glasklaren Wasser. Weiter geht es wunderbar entlang der tosenden Ostküste und durch ein Militärgebiet zum Hotel in Quirra. Der Trail dem Meer entlang ist allerdings ziemlich anstrengend mit auf und ab und viel Sand und Geröll und es kommen auch heute wieder fast 800 Höhenmeter zusammen. Das Abendessen ist ein Gedicht, sardische Vorspeisen, eine sensationelle Focaccia, Spaghetti mit Meeresfrüchten, ein Fischteller, Sorbet, sardisches Gebäck und natürlich dürfen auch ein (oder zwei) Mirto-Schnäpse zum Abschluss nicht fehlen. Das Restaurant ist gut gefüllt, scheint also eine beliebte Adresse zu sein.

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Die Kalorien vom Nachtessen werden beim ersten Aufstieg (300 Höhenmeter) am Morgen gleich wieder verbrannt und schon vor dem Mittag treffen wir in einem typischen sardischen Dorf unseren Bus. Ich erspare mir weitere 600 Höhenmeter und verlade das Rad. So komme ich zu einem freien Nachmittag am Strand in Torre Salinas, herrlich. Auch hier ist absolut nichts mehr los, es liegen ein paar Holzpaletten und ein Reklameschild herum, ansonsten habe ich den Strand praktisch für mich alleine. Wir wohnen heute auf einem Campingplatz in Bungalows und es tummelt sich ein halber Zoo auf dem Gelände. Unser Busfahrer macht noch einen Abstecher ins letzte Hotel, wir haben die Pumpe liegen lassen.

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Das Frühstück auf dem Camping braucht ziemlich Geduld aber wie immer kommt alles gut und zudem regnet es. Für die letzte Etappe fährt uns der Bus ein Stück durch eine grossartige Schlucht, Der Regen hört auf und auf dem Bike bleiben wir trocken. Der Tag bietet noch einmal alle Facetten. Grobe Jeep-Pisten, schmale und technisch knifflige Singletrails, Flussquerungen, feine Sandstrassen und zum Schluss eine Abfahrt hinunter ans Meer. Dann ist es soweit, wir haben die Nord-Süd-Durchquerung der ganzen Insel geschafft.

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Auf der Westseite der Insel fahren wir mit dem Bus zurück in den Norden zur Nachtfähre. Es ist eindrücklich zu sehen welche Strecke wir in 9 Tagen mit dem Bike zurück gelegt haben. Bis auf ein paar Schrammen, Kratzer, Defekte und Magenverstimmungen sind wir von grösseren Problemen verschont geblieben. Der Arzt unter uns konnte Nadel und Faden in der Tasche lassen. Gehofft hat er wohl heimlich schon auf eine kleine Schnittwunde zum nähen. Der Mediziner ist gleichzeitig auch der älteste Teilnehmer. Mit seinen 72 Jahren und einem eher älteren Fahrrad hat er die ganze Strecke aus eigener Kraft zurückgelegt – Respekt! Es kamen rund 500 km und 10’000 Höhenmeter zusammen. Eine sportliche aber landschaftlich wunderschöne Reise.

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Veranstalter: mountainbikereisen.ch